Schreiben im Kollektiv – Widerstand ist zwecklos

Gabriele Malaspina für Unsplash.

Vom Schreiben im Borg-Kollektiv der wahrscheinlichsten Wörter, aka: Schreiben mit KI.

Als ich mein Sachbuch Abschied von Hermine geschrieben habe, war ich bei meinem ich-weiß-nicht-wievielten Rewatch von Star Trek. Wer in diesem Universum so zu Hause ist wie ich, kennt die Borg: ein kybernetisches Kollektiv, das fremde Spezies assimiliert, ihre Individuen zu Drohnen umbaut und ihr Wissen einem gemeinsamen Bewusstsein einverleibt, sodass jegliche Individualität ausgelöscht wird. Treffen sie auf eine Zivilisation, die sie noch nicht unterworfen haben, senden sie diese Nachricht als Schleife aus:

“Wir sind die Borg. Deaktivieren Sie Ihre Schutzschilde und ergeben Sie sich. Wir werden Ihre biologischen und technologischen Charakteristika den unseren hinzufügen. Ihre Kultur wird sich anpassen und uns dienen. Widerstand ist zwecklos!”

Widerstand ist zwecklos. Die Borg haben es in mein Sachbuch geschafft, und aktuell schwirren sie wieder häufiger durch meine Gedanken, und zwar beim Lesen. Immer häufiger stolpere ich über Texte – in Newslettern, auf Unternehmensseiten, inzwischen auch in Reportagen – die denselben eigentümlich glatten und anschmiegsamen Ton haben, so ganz bestimmte Übergänge, Adjektive (davon auch immer gern eine Menge), denselben Rhythmus und vor allem dieselben (teilweise wirklich seltsamen) Metaphern und Bilder. Niemand Bestimmtes hat sie geschrieben, und genau so lesen sie sich auch: wie Botschaften aus einem Kollektiv, das Wort für Wort das Wahrscheinlichste auswählt, gespeist aus Millionen assimilierter Stimmen. Wer einer KI das Schreiben überlässt, schwimmt im Kollektiv mit und hat sich als Künstler:in in diesem Moment aufgelöst.

Ahmad Odeh für Unsplash.

Wer schreibt, kennt diesen Moment: Eine Szene sperrt sich seit Tagen, der Dialog klingt hölzern, jeder Anlauf endet in Frust und dann zwangsläufig auf Reddit, Instagram oder YouTube. Schreiben ist schwer. Also natürlich ist es auch schön, klar, aber es ist auch anstrengend, aufreibend, und manchmal nervt es einfach nur. Als ich letztens auf Reddit in einem Schreib-Sub (also die "Foren" oder "Gruppen" zu einem Thema) war, haben sich Leute über eine KI ausgetauscht, die wohl ganze Romane schreiben können soll. Leute gaben dort an, mit diesem Service 10 bis 20 Romane pro Jahr schreiben zu können, alles unter unterschiedlichen Pseudonymen und in verschiedenen Genres. Ich bin auf die Webseite des Anbieters gegangen und habe mir das Angebot durchgelesen und war ziemlich verwirrt. Dort wird damit geworben, dass man nicht mehr tagelang an einer Szene verzweifelt oder sich den Kopf über einen Dialog zerbrechen muss – erledigt alles die KI, einfach zurücklehnen, den Knopf drücken und 90 Minuten später hat man 300 Seiten Lovestory.

Schreiben nervt, aber ich liebe es auch. Also die Liebe übertrumpft die Genervtheit, und ich schreibe nicht für das Ergebnis, sondern für das Mittendrin. Manche Autor:innen mögen es lieber, geschrieben zu haben und das ganze Gewese danach: Lesungen, Auftritte, Interviews. Diese Phase ist für mich am anstrengendsten und mir gefällt das ehrlich gesagt nicht so sehr. Also die Lesungen mag ich, aber das Herumreisen schlaucht, und irgendwie fühle ich mich nach einer Buchabgabe immer leer. Meine Depression haut dann auch immer doller rein als sonst. Ich mag es, zu schreiben, und deswegen arbeite ich immer an irgendeinem Buch. Das jetzt der KI überlassen?

Der vielleicht grundsätzlichste Einwand gegen das Wegdelegieren des Akts des Schreibens kommt aus der Anthropologie. Die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Ellen Dissanayake vertritt seit den 1980er Jahren eine ethologische Theorie der Kunst: Kunst ist demnach ein Verhalten der Gattung Mensch, so universal wie Sprache und Spiel. Ihr Kernbegriff lautet making special, das Besondersmachen. Wir Menschen heben Dinge, Handlungen und Worte aus dem Alltäglichen heraus, wir schmücken, rhythmisieren, erzählen, und wir tun es in jeder bekannten Kultur, von der Wiege bis zum Grab. Wir machen das auch seit Tausenden von Jahren, Kunst ist so spezifisch menschlich wie es für den Vogel das Fliegen ist oder für den Fisch das Schwimmen ist. Geschichten erzählen oder Bilder malen, das machen wir so, wie ein Rotkehlchen sein Nest baut oder ein Glühwürmchen mit dem leuchtenden Hinterteil einen Paarungspartner auf sich aufmerksam machen will. Wir gehen darin auf, es macht uns Freude und erfüllt uns. Es gehört zu unserem Verhalten.

Ahmad Odeh für Unsplash.

Diese KI, die für mich Romane schreiben will, ist wie eine KI, die für mich tanzt, wie eine KI, die für mich isst, die für mich lacht, die für mich Sex hat, die für mich draußen Fotos macht, die sich für mich mit Freund:innen trifft, die sich für mich verliebt. Das, was mir Freude macht, nimmt sie mir ab. Wenn künstliche Intelligenzen unsere Bücher schreiben, wenn sie unsere Kunst kreieren und unsere Lieder singen: Was machen wir dann? Führen wir dann nur noch diese Zivilisationsaktivitäten aus, die unseren Alltag bestimmen? Leeren wir dann nur noch den Briefkasten, gehen zur Arbeit (und weisen da schlimmstenfalls auch eine KI an), putzen, waschen Wäsche und kaufen Sachen?

Es gibt ja schon lange Angebote, die einem Bücher zusammenfassen. Müssen wir vielleicht irgendwann gar nichts mehr lesen, keine Lieder mehr hören, nie wieder eine Freundin anrufen und um Rat fragen, nie wieder jemanden auf der Straße versehentlich anrempeln, sich entschuldigen und dann beide verlegen lachen? Müssen wir niemandem mehr unser Herz ausschütten, weil wir sowieso nichts mehr fühlen, nichts mehr erleben, nichts mehr kreieren und mit keinem Gegenüber mehr sprechen, das je etwas gefühlt oder erlebt hat? Denn das ist ja noch so eine Sache mit der KI: ChatGPT hat noch nie etwas empfunden, hat noch nie gespürt, wie der Wind über die Wange streicht, ist noch nie gestolpert, hat sich noch nie blamiert, hat noch nie jemanden geküsst. Die KI rechnet einfach nur die Wahrscheinlichkeit für das jeweils nächste Wort aus. Sie wurde mit Millionen von Texten gefüttert (auch mit meinen), in denen Menschen beschreiben, wie sich ein erster Kuss anfühlt, wie Regen auf heißem Asphalt riecht, wie es ist, nachts um drei wach zu liegen und die eigenen Gedanken wieder und wieder und wieder und wieder von innen gegen die Stirn rennen zu lassen. Aus all dem, was sie sich einverleibt hat, destilliert sie den Durchschnitt: den wahrscheinlichsten Kuss, den erwartbarsten Regenmoment, die geläufigsten Gründe für Schlaflosigkeit.

Was dabei entsteht, ist Mimikry. In der Biologie bezeichnet der Begriff Lebewesen, die Signale aussenden, deren Versprechen sie nicht einlösen können. Die Schwebfliege trägt das Gelb-Schwarz der Wespe und möchte gefährlich erscheinen, bleibt dabei aber im Kern ein vollkommen harmloses Tierchen. Genau so funktioniert KI-Prosa: Sie trägt die Warnfarben des Erlebten, fährt die Vokabeln für Schmerz, Sehnsucht und Wind auf der Wange auf, doch unter dem Kostüm sitzt einfach nur eine schnöde Wahrscheinlichkeitsrechnung. Solch ein Text imitiert die Spuren eines gelebten Lebens, er ist allerdings nicht wahr. Und damit fehlt ihm beides, was Literatur ausmacht: die Wahrheit und das Wagnis. Denn wahre Kreativität erschafft Neues, sie reißt Wörter aus ihren angestammten Kontexten und macht aus dem vermeintlichen Fehler ein Stilmittel. Paul Celan schrieb von der schwarzen Milch der Frühe, und jede Statistik der deutschen Sprache hätte ihm versichert, dass auf schwarze so ziemlich alles Mögliche folgt, bloß ganz sicher nicht Milch. Das Neue ist per Definition das Unwahrscheinliche, eine Maschine, die aber bei jedem Schritt das Wahrscheinlichste wählt, bleibt strukturell ans Bekannte gekettet. Das merkt man auch bei einer Sache ganz besonders gut: KI kann keinen Humor, weil das eine Transferleistung ist, für die man Sachen wirklich erlebt haben muss. Man muss Dinge wirklich kennen, um sie in einen anderen Kontext zu setzen, was dann erst lustig ist. ChatGPT kann das nicht, es kann remixen, glätten, variieren, klar, und das kann es teilweise gruselig gut, aber der Sprung in die schwarze Milch oder die Kreation eines wirklich lustigen Witzes liegt außerhalb der Möglichkeiten. Deshalb klingen KI-Texte auch irgendwie alle gleich: Sie sind das arithmetische Mittel aus allem, was echte (!) Autorinnen und Autoren je riskiert haben.

Hermine als Borg-Königin. Aus: Abschied von Hermine

Die Borg kennen dieses Problem übrigens auch. Das Kollektiv gilt im Star-Trek-Universum als nahezu unaufhaltsam, dabei wächst es ausschließlich durch Assimilation. Jede Technologie und jede Idee stammt von Spezies, die es sich einverleibt hat. Selbst erfunden haben sie nur die Fähigkeit zur Assimilation, so wie wir die Large Language Models erfunden haben, das war's. In der Doppelfolge In den Händen der Borg und Angriffsziel Erde (Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert, 1990) assimilieren die Borg Captain Picard, bauen ihn zu Locutus um und führen mit seiner Stimme Krieg gegen seine eigene Spezies. Seine Crew weigert sich, ihn aufzugeben, holt ihn aus dem Kollektiv zurück und gibt ihm sein Ich wieder, auch wenn die Narben bleiben. Der berühmte Begrüßungssatz der Borg erweist sich damit als unwahr: Widerstand war eben doch zu etwas gut. So halte ich es mit dem Schreiben. Ich wehre mich gegen die Assimilierung, Satz für Satz, mit allen Umwegen, Sackgassen und Nervenzusammenbrüchen, Selbstzweifeln und Tränen vor der weißen Seite am Bildschirm. Gehört eben dazu. Und ich hoffe auf Leserinnen und Leser, die es wie Picards Crew halten: die uns Autor:innen nicht aufgeben und weiterhin nach Werken greifen, die ein Mit(!)mensch erschaffen hat.

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Die Schuldvermutung.